25. August 2026

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Harvard-Professor warnt vor der nächsten Phase von Trumps Krieg: Wir steuern auf eine gefährliche Welt zu

 

Stephen Walt, Professor für Internationale Beziehungen an der Harvard Kennedy School und einer der profiliertesten Realisten der amerikanischen Außenpolitik-Debatte, gibt in einem ausführlichen Gespräch eine nüchterne, düstere Einschätzung der Lage. Nach den Kriegen gegen Russland und Iran werde die Welt nicht sicherer, sondern prekärer. Walt analysiert die langfristigen Folgen erodierender Normen, des Aufstiegs Chinas, der Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine sowie die strukturellen Schwächen der amerikanischen Politik. Sein Fazit: Die USA haben sich in Konflikte verstrickt, die ihre Position schwächen, während die globale Ordnung fragmentierter und konfliktträchtiger wird.

Eine gefährlichere Welt nach den Kriegen

Walt beginnt mit der Frage, wie die Welt aussehen wird, sobald die USA ihre Rolle in den Kriegen gegen Russland und Iran beendet haben. Seine Antwort ist klar: deutlich gefährlicher als in den Jahrzehnten nach dem Kalten Krieg. Die Beziehungen zu Russland bleiben auf absehbare Zeit von Misstrauen geprägt. China baut weiter militärische und wirtschaftliche Macht aus und fordert den amerikanischen Einfluss heraus. Gleichzeitig werden mittlere Mächte aktiver – oft destruktiv, wie das Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate im Sudan zeigt.

Das Ergebnis ist eine tripolare Welt aus USA, Russland und China mit ungelösten Spannungen, besonders in Asien. Hinzu kommt ein dramatischer Verfall der Normen zum Gewaltverbot. Die Norm gegen die Ermordung von Staatsführern, die sich über Jahrhunderte entwickelt hatte, ist weitgehend kollabiert. Was nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Nürnberger und Tokioter Prozessen begann und später bei Gaddafi oder Saddam Hussein als „moralisch vorzugswürdig“ erschien, ist zur gängigen Praxis geworden. USA und Israel töteten zu Beginn des Iran-Krieges systematisch die iranische Führungsspitze. Die Folgen: Unklarheit über Nachfolger, oft härtere Linien, und vor allem der totale Verlust von Vertrauen. Verhandlungen mit einem Regime, dessen Spitze man gerade getötet hat, werden unmöglich. Andere Staaten werden nachziehen – und amerikanische Präsidenten müssen künftig stärker um ihre eigene Sicherheit fürchten.

Parallel dazu steigen die weltweiten Verteidigungsausgaben seit zwei Jahrzehnten real um das Doppelte – in Asien, in Europa und anderswo. Die Hoffnung der 1990er Jahre, Globalisierung und Handel würden Frieden garantieren, erweist sich als Illusion. Zwar gibt es statistische Hinweise, dass Demokratien seltener gegeneinander Krieg führen und hohe wirtschaftliche Verflechtung Konflikte weniger wahrscheinlich macht. Doch der Kausalzusammenhang ist oft umgekehrt: Frieden ermöglicht Interdependenz, nicht umgekehrt. Sobald Sicherheit bedroht erscheint, ziehen Investoren und Staaten sich zurück. „Weaponized interdependence“ – die Instrumentalisierung von Abhängigkeiten (Dollar-Sanktionen der USA, Kontrolle der Straße von Hormuz durch den Iran) – wird zum neuen Normalzustand. Protektionismus und Freundschaftshandel ersetzen die offene Globalisierung der 1990er und frühen 2000er Jahre.

Der Aufstieg Chinas und amerikanische Realitätsverweigerung

Warum haben amerikanische Entscheidungsträger den Aufstieg Chinas so lange ignoriert oder verharmlost? Walt nennt mehrere Gründe: post-kalter-kriegs-hubris, die Überzeugung, man habe das einzig richtige Modell gefunden (Marktwirtschaft, Rechtsstaat, offener Handel). China werde, so die Hoffnung, mit wachsendem Wohlstand demokratisch. Diese Annahme – von Fukuyama und vielen anderen geteilt – erwies sich als falsch. Die Kommunistische Partei setzte auf Kontrolle, nicht auf Liberalisierung.

Kurzfristige Interessen amerikanischer Konzerne beschleunigten den Prozess: Produktion wurde nach China verlagert, Technologie geteilt. Die Mehrheit der Amerikaner profitierte von billigeren Gütern, doch der „China-Schock“ zerstörte ganze Industrieregionen. Langfristig verschob sich die wirtschaftliche Machtbalance zu Chinas Gunsten. Bush erkannte das Problem bereits, doch 9/11 und der „Global War on Terror“ lenkten ab. Jeder nachfolgende Präsident – Obama, Trump I, Biden – kündigte den „Pivot to Asia“ an und wurde erneut vom Nahen Osten abgelenkt. Das kam China zugute.

Walt hält eine chinesische Einflusssphäre in Asien für nachvollziehbar – analog zur amerikanischen Position in der westlichen Hemisphäre. Eine solche Dominanz würde China jedoch freier machen, weltweit zu agieren, inklusive strategischer Partnerschaften in Lateinamerika. Deshalb sollte Washington verhindern, dass Peking Asien so beherrscht wie die USA den amerikanischen Kontinent. Die aktuelle Politik – Schwächung Japans, irritierende Signale an Südkorea, Annäherung an Kim Jong-un – untergräbt genau dieses Ziel. Trump setze auf persönliche Deals und Ablenkung, habe aber bereits in seiner ersten Amtszeit von Kim „ausgebeutet“ worden.

Der Iran-Krieg: Eine Kriegsentscheidung aus Wahl, keine Notwendigkeit

Warum führen die USA Krieg gegen den Iran? Walt sieht eine jahrzehntelange schlechte Beziehung, bei der Teheran mehrfach Annäherungsversuche unternahm, die Washington zurückwies – vor allem wegen der engen Bindung an Israel und dem Druck von Teilen der Israel-Lobby. Der aktuelle Krieg sei jedoch kein Präventivschlag gegen eine unmittelbar bevorstehende iranische Atombombe oder Militäroffensive gewesen. Der Auslöser war Netanjahus Besuch im Weißen Haus, der Trump überzeugte, das Regime stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Der Erfolg der Venezuela-Operation (Entführung Maduros) und Trumps Glaube an seine eigene Urteilskraft und die Fähigkeiten des Militärs taten ein Übriges. Ein Kabinett aus Ja-Sagern und der Wunsch, am Ende der Karriere als Problemlöser in die Geschichte einzugehen, vollendeten die Entscheidung. Man rechnete mit einem kurzen, billigen Krieg. Das Gegenteil trat ein.

Proteste blieben weitgehend aus. Walt führt das auf die Freiwilligenarmee, relativ niedrige Opferzahlen und die Tatsache zurück, dass die Kosten vor allem wirtschaftlich spürbar sind und sich bei Wahlen niederschlagen werden. Viele Demokraten lehnen den Krieg ab, doch konzeptionell teilen Teile des Establishments die Regime-Change-Logik.

Ukraine: Ein „hurting stalemate“ und unrealistische Versprechen

Trumps Versprechen, den Ukraine-Krieg in 24 Stunden zu beenden, war von Anfang an unseriös. Die Interessengegensätze sind zu tief, die Stakeholder zu zahlreich. Ein „hurting stalemate“ herrscht: Beide Seiten leiden, Russland macht kostspielige Fortschritte im Donbass, die Ukrainer halten aus Nationalismus stand. Walt plädiert dafür, die Ukraine weiter zu unterstützen, aber klare Grenzen zu setzen: Kein NATO-Beitritt, keine Rückeroberung der Krim und großer Teile des Donbass. Die schwierigste Frage bleibt die künftige Sicherheitsordnung der Ukraine – eine neutrale, aber wehrhafte Armee, die Waffen kaufen und trainieren darf, ohne de-facto-NATO-Mitglied zu werden. Solche Verhandlungen brauchen Zeit und Professionalität, keine Show-Diplomatie.

Die Angst vieler Europäer vor einer russischen Invasion der NATO hält Walt für weitgehend übertrieben. Russland scheitert bereits an der Ukraine. Hybridkrieg und Sabotage sind jedoch real und berechtigen zu Sorge. Europa sollte absichern und gleichzeitig Wege zur Deeskalation suchen.

Wie endet der Iran-Krieg?

Walt sieht keine Lösung ohne stillschweigendes amerikanisches Eingeständnis eines Fehlers. Die Motivationen sind asymmetrisch: Für die USA ein optionaler Krieg, für das iranische Regime existenziell. Teheran ist bereit, höhere Kosten und Risiken zu tragen und besitzt Eskalationsoptionen (Hormuz, Angriffe auf amerikanische Einrichtungen und Partner). Bisher ist Trump bei Drohungen zurückgewichen – zu Recht, denn eine weitere Eskalation wäre verheerend.

Ein Memorandum of Understanding im Juni war faktisch eine amerikanische Kapitulation, wurde aber umgangen. Null Vertrauen macht jede Vereinbarung fragil. Der Iran wird darauf bestehen, den USA einen spürbaren Preis aufzuerlegen, damit ein Wiederholungsversuch unattraktiv wird – über wirtschaftliche Schäden, regionalen Druck und politische Konsequenzen. Gleichzeitig riskiert Teheran, seine Hebel (vor allem Öl) mittelfristig zu verlieren, wenn die Welt fossile Energien diversifiziert. Atomwaffen-Optionen hält Walt für gefährlich, aber nicht undenkbar; sein Doktorvater Kenneth Waltz argumentierte sogar, nukleare Verbreitung könne stabilisierend wirken (Beispiel Indien-Pakistan). Die USA sollten jedoch nicht disengagement, sondern selektive Balance-of-Power-Politik betreiben: bereit eingreifen, wenn ein Akteur die Region zu dominieren droht, aber nicht dauerhaft lokale Politik diktieren.

Ein Abzug aus dem Golf könnte langfristig positiv sein und Aufmerksamkeit auf Asien freisetzen. Historisch war die massive Präsenz ab den 1990er Jahren (Dual Containment, Stationierung in Saudi-Arabien) Teil der Probleme, die zu al-Qaida und weiteren Interventionen führten.

Demokratie, Elite und die Gefahr interner Instabilität

Walt beobachtet, dass fast jeder Präsident seit dem Ende des Kalten Krieges mit dem Versprechen „mehr zu Hause, weniger im Ausland“ antrat – und es nicht einhielt. Die Öffentlichkeit lehnt solche Kriege ab, doch Institutionen, Interessen und die relative Unwichtigkeit von Außenpolitik im Alltag der meisten Wähler verhindern Korrekturen. Der Verteidigungshaushalt bleibt hoch, weil er Jobs in jedem Wahlkreis schafft. Ob das System noch demokratisch ist, wenn zentrale Ausgaben und Entscheidungen dem öffentlichen Willen über Generationen widersprechen, lässt Walt offen – er hält es für kompliziert, aber besorgniserregend.

Parallelen zur Vorabend der Französischen Revolution (Ungleichheit, Steuerprivilegien der Eliten, Verschuldung durch Kriege, Medienexplosion) zieht er vorsichtig, sieht aber reale Gefahren: Vermögenskonzentration, fehlende öffentliche Verantwortung bei vielen Superreichen und Technologien, die Jobs vernichten, ohne soziale Absicherung. Der moderne Wohlfahrtsstaat rettete den Kapitalismus einst vor radikalen Umstürzen. Heute droht das Gegenteil.

Trumps Angriff auf den bipartisanen außenpolitischen Konsens 2016 öffnete die Debatte – ein Verdienst, auch wenn Walt ihn insgesamt für den desaströsesten Präsidenten hält, den Amerikas Gegner feiern werden. Innerhalb von Demokraten und Republikanern entstehen Spaltungen, Think Tanks bewegen sich auseinander. Das ist unübersichtlich, aber besser als ein unhinterfragter Konsens, der niemand zur Verantwortung zieht. Fehler sind in der Politik unvermeidlich; wer sie jedoch immer wiederholt und nie einräumt, sollte keine weiteren Chancen bekommen. Wer lernt und Verantwortung übernimmt, verdient Gehör.

Walt schließt mit der Hoffnung, dass die USA aus den aktuellen Desastern lernen – nicht durch weitere Abenteuer, sondern durch realistische Prioritätensetzung, Verantwortung und die Einsicht, dass Macht und Normen zerbrechlich sind. Die Welt, die nach diesen Kriegen entsteht, wird härter, misstrauischer und konfliktbereiter sein. Ob Amerika sich darauf einstellt, entscheidet über seine zukünftige Rolle.

 

Harvard-Professor warnt vor der nächsten Phase von Trumps Krieg: Wir steuern auf eine gefährliche Welt zu